Die Flucht der Wölfin

Die Flucht der Wölfin

Prolog

In der Welt der Lykanthropen, so hieß es, war der Wolf der Spiegel der Seele — wer ihn nicht zeigen konnte, existierte in den Augen der anderen schlicht nicht. Für Sofia Ivanov war diese Regel keine poetische Metapher, sondern ein Urteil zur Isolation, das an jeder Sekunde ihres Lebens zerrte. Während die Geburt eines Welpen im angesehenen Ivanov-Rudel für gewöhnlich Anlass zu Stolz und Feierlichkeiten bot, war ihre Ankunft im Laufe der Jahre zu einem unbequemen Makel geworden, den alle lieber verdeckten.

Das Herrenhaus der Familie, ein gewaltiger Bau aus Stein und Holz, der vom Lachen und der dominanten Energie ihrer jüngeren Schwester Tania widerhallte, war für Sofia ein Labyrinth aus Schweigen und verächtlichen Blicken. Seit sie achtzehn geworden war — das heilige Alter, in dem der Geist der Bestie die Hülle des Fleisches durchbrechen und sich dem Mond zeigen sollte —, steckte Sofia in einem erstickenden Limbus fest. Sie spürte ihre Wölfin. Sie wusste, dass sie da war, zusammengekauert in den Tiefen ihrer Brust, pochend wie ein zweites, scheues Herz, das sich weigerte zu brüllen. Doch nach außen hin gab es nichts. Keine Krallen, keine Reißzähne, nicht diesen imposanten Duft, der den Status eines wahren Lykanthropen bestimmte.

Für Boris und Irina Ivanov, ihre Eltern, war das keine bloße medizinische Anomalie oder spirituelle Verzögerung — es war Verrat am Blut.

An jenem Morgen war es nicht anders als sonst, obwohl die schwere Luft im Haus verriet, dass das Familiengewitter nahte. Sofia stieg die knarrenden Holzstufen hinab, den Kopf gesenkt — eine Überlebensgewohnheit, die sie sich unter Zwang angeeignet hatte. Als sie den großen Speisesaal betrat, verstummte das Klirren des Silberbestecks augenblicklich, als könnte ihre bloße Anwesenheit die Opulenz des Frühstücks besudeln.

„Du kommst zu spät", ließ Boris' kalte Stimme vom Kopfende des Tisches vernehmen. Der Alfa der Familie machte sich nicht einmal die Mühe, sie anzublicken; sein Blick ruhte auf den Dokumenten des Rudels, doch sein Ton trug das schwere Vibrieren seiner Befehlsstimme, das Sofias Schultern schmerzhaft verkrampfen ließ. „Eine ranglose Wölfin sollte ihre Nutzlosigkeit wenigstens durch ein Mindestmaß an Disziplin kompensieren."

„Verzeih, Vater …", flüsterte Sofia, den Blick auf den Boden geheftet.

Neben ihr entließ ihre Mutter Irina ein genervtes Seufzen, während sie Tania behutsam eine Tasse Tee einschenkte. Tania, strahlend, mit ihrem langen, perfekt frisierten kastanienbraunen Haar und der vibrierenden Aura einer jungen, von den Göttern gesegneten Wölfin, verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln. Es war ein schmales, scharfes Lächeln, getränkt mit dem Gift einer Person, die wusste, dass sie der Mittelpunkt des elterlichen Universums war.

„Lass sie, Papa", mischte sich Tania ein, obwohl in ihrem Ton kein Funken echten Mitleids lag. „Sie hat genug damit zu tun, den ganzen Tag die Füße nachzuschleifen, weil ihr Körper das Gewicht eines echten Geistes nicht tragen kann. Außerdem … heute haben wir Wichtigeres zu besprechen als Sofias Pünktlichkeit. Dinge, die sie direkt betreffen."

Ein jäher Schauer lief Sofia über den Rücken. Sie wusste genau, worauf ihre Schwester anspielte. Gavin, ihr Mate, der Wolf, mit dem das Schicksal sie vor wenigen Monaten magisch verbunden hatte, war zum Objekt von Tanias Begierde geworden. Und in diesem Haus bekam Tania, was Tania wollte — serviert auf einem Silbertablett, egal wen man dafür zertreten musste.

Irina setzte die Porzellantasse mit einem trockenen Klirren auf der Untertasse ab, das in der Stille des Speisesaals widerhallte. Sie verschränkte die Hände auf dem Tisch und bohrte ihren berechnenden Blick in Sofia, der ihr jeden Rest von Würde abstreifte.

„Deine Schwester hat recht, Sofia", erklärte die Frau mit einer Gelassenheit, die furchteinflößender war als jedes Schreien. „Gavin war gestern Abend hier. Er hat mit deinem Vater gesprochen und sie haben sich über die Zukunft des Rudels ausgetauscht. Er ist ein junger Wolf mit Ambitionen, ein Krieger, der den Aufstieg verdient, nicht dazu verdammt, an einer Frau zu versauern, die sich nicht einmal verwandeln kann."

Sofias Magen zog sich so heftig zusammen, dass ihr übel wurde. Die Worte ihrer Mutter waren rostige Klingen, doch am meisten schmerzte die Erwähnung von Gavin. Ihr Mate. Der Mann, der vor ihr niedergekniet war und geschworen hatte, dass ihre fehlende Wölfin keine Rolle spielte, dass der Bund des Neumondes heilig war und er sie vor der Verachtung ihrer eigenen Familie beschützen würde. War er am Vorabend hier gewesen? Hinter ihrem Rücken?

„Gavin ist mein Gefährte, Mutter …", wagte Sofia mit zitternder Stimme zu sagen und klammerte sich an die Tischkante, damit niemand das Beben ihrer Hände bemerkte. „Der Mond hat uns verbunden. Er kann nicht einfach …"

„Der Mond hat sich bei dir geirrt!", unterbrach Boris und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass das Geschirr klirrte. Die Wucht seiner Alfa-Aura erdrückte die Luft im Raum und raubte Sofia den Atem. „Das Band dient dazu, die Spezies zu stärken, nicht dazu, einen vielversprechenden Krieger in den Sumpf deiner Schwäche zu ziehen. Gavin braucht eine Gefährtin, die an seiner Seite bei den Jagden laufen kann, die starke Welpen mit erwachten Wölfen gebiert, keine defekte Menschenfrau, die sich in den Ecken versteckt."

Tania beugte sich vor, stützte das Kinn auf die Hände und betrachtete Sofia mit gespieltem Bedauern, das kaum ihre Genugtuung verbarg.

„Versteh das doch, Sofi. Es ist nicht böse gemeint", sagte Tania mit zuckersüßer Stimme. „Gavin und ich haben in letzter Zeit viel Zeit zusammen beim Training verbracht. Er hat selbst erkannt, dass das, was er für dich empfindet, nur Mitleid ist, eine Pflicht, die ihm ein fehlerhaftes Band auferlegt hat. Zwischen uns gibt es einen echten Funken. Gestern hat er vor Papa eingeräumt, dass die Ehre der Ivanovs nicht befleckt werden darf. Er will die Verlobung mit dir lösen."

„Nein … das ist gelogen", murmelte Sofia, während sich die ersten Tränen in ihren Augen sammelten.

Sie suchte im Blick ihrer Mutter nach einem Anflug von mütterlichem Instinkt, fand aber nur eine Wand aus Eis. Sie wandte sich an ihren Vater, den Mann, der eigentlich alle Mitglieder seines Rudels beschützen sollte, und sah nur Enttäuschung und Ekel. Sie war vollkommen allein. Ihr eigenes Blut entriss ihr das Einzige, was ihr in dieser grausamen Welt ein Zugehörigkeitsgefühl gab.

„Das ist keine Lüge, Sofia, das ist ein Befehl", verkündete Boris und erhob sich von seinem Stuhl, aufragend und kalt. „Die Papiere für den Rudelrat sind fertig. Du wirst den Verzicht auf das Band in gegenseitigem Einvernehmen unterschreiben. Gavin heiratet Tania am Ende der Woche, und du wirst dafür sorgen, dass die Zeremonie einwandfrei verläuft. Du wirst die Gäste bedienen und lächeln und damit zeigen, dass du deinen Platz auf der untersten Stufe dieser Familie akzeptierst. Wenn du ein einziges Wort sagst, das diesen Namen vor den Gästen beschämt, verbanne ich dich in den Wald mit nichts als den Kleidern, die du am Leib trägst. Ist das klar?"

Die Stille kehrte in den Speisesaal zurück, eine dicke, von Demütigung geschwängerte Stille. Tania kostete ihren Triumph aus, während Irina wieder an ihrem Tee nippte, als hätten sie gerade das Wetter besprochen.

Sofia ballte die Fäuste unter dem Tisch und verbarg ihre kurzen Nägel, die sich niemals in Krallen verwandeln würden. Der Schmerz in ihrer Brust kam nicht nur von dem gebrochenen Herzen — es war ihre eigene Wölfin, gefangen in ihrem Inneren, die an ihren Rippen kratzte in einem stummen Schrei aus Wut und Verzweiflung, gefangen in einem Körper, den alle für wertlos hielten.

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