Die Entdeckung des Tagebuchs hatte alles verändert.
Die Suche war nicht mehr nur eine einfache Familienforschung.
Jetzt hatten sie eine echte Spur.
Eine Richtung.
Einen Ort.
Und vielleicht endlich den Weg zum verschollenen Medaillon.
Doch sie wussten auch etwas anderes.
Sie waren nicht allein.
Jemand überwachte sie.
Jemand, der die Geschichte ebenso gut zu kennen schien wie sie selbst.
Die Sonne begann unterzugehen, als Adrian, Richard, Alexander und Stefan zum Anwesen zurückkehrten.
Lucia wartete am Eingang.
Valentina auf dem Arm und ein besorgter Ausdruck im Gesicht.
Sobald sie Adrian erblickte, ging sie rasch auf ihn zu.
„Seid ihr in Ordnung?"
Fragte sie.
Adrian lächelte.
„Ja."
„Aber wir haben etwas Wichtiges gefunden."
An jenem Abend versammelte sich nach dem Essen die ganze Familie in der Bibliothek.
Die Vierlinge schliefen im Kinderzimmer unter Rosas Aufsicht.
Richard legte das alte Tagebuch auf den Tisch.
Und begann zu erklären, was geschehen war.
Die verborgene Kiste.
Die Briefe.
Die Fotografien.
Und der letzte Satz, den sein Großvater geschrieben hatte.
„Der Hüter wird den Schlüssel dorthin tragen, wo das Silbertal ruht."
Lucia hörte aufmerksam zu.
„Dann ist das Medaillon also dort."
Sagte sie.
„Das glauben wir."
Antwortete Adrian.
„Und wenn Richard recht hat, existiert dieser Ort."
Richard nickte.
„Er existiert."
„Ich erinnere mich genau."
„Als Kind war ich einmal mit meinem Großvater dort."
„Er liegt versteckt zwischen den Bergen."
„Weit entfernt von jeder Stadt."
Stefan betrachtete die Karte.
„Und wie lange brauchen wir dorthin?"
„Etwa vier Stunden."
Antwortete Alexander.
„Vielleicht mehr."
„Der Weg ist schwierig."
Stille füllte den Raum.
Denn alle verstanden, was das bedeutete.
Die Suche näherte sich dem Ende.
Aber sie konnte auch gefährlicher werden.
Später, als sich alle zurückgezogen hatten, fand Lucia Adrian im Garten.
Er saß unter den Sternen.
In Gedanken versunken.
„Du machst dir immer noch Sorgen."
Sagte sie.
Adrian lächelte schwach.
„So offensichtlich?"
„Sehr."
Antwortete sie.
Lucia setzte sich neben ihn.
„Was ist los?"
Fragte sie.
Adrian brauchte mehrere Sekunden für seine Antwort.
„Ich habe Angst, dass etwas schiefgeht."
Lucia sah ihn an.
„Du hast immer Probleme gemeistert."
„Warum ist das hier anders?"
Adrian blickte zum Anwesen.
Zum erleuchteten Fenster des Kinderzimmers.
„Weil ich jetzt etwas zu verlieren habe."
Diese Worte ließen Lucias Herz schneller schlagen.
Zum ersten Mal verstand sie, dass Adrian nicht mehr um ein Erbe kämpfte.
Nicht um ein Vermögen.
Nicht einmal um den Namen Falkenberg.
Er kämpfte für sie.
Für seine Familie.
Für sie.
Und für die vier Kleinen, die in diesem Haus schliefen.
Am nächsten Morgen begannen die Vorbereitungen.
Die Reise ins Silbertal würde lang werden.
Und möglicherweise beschwerlich.
Richard bestand darauf mitzukommen.
Trotz der Proteste aller.
„Ich bleibe nicht hier."
Erklärte er.
„Ich habe Jahrzehnte darauf gewartet, die Wahrheit zu erfahren."
„Mir entgeht nicht das Ende."
Isabella lachte laut auf.
„Niemand kann mit dir diskutieren."
„Selbstverständlich nicht."
Erwiderte Richard stolz.
Unterdessen half Lucia bei den Vorbereitungen.
Obwohl sie sich insgeheim wünschte, Adrian würde nicht fahren.
Dieses seltsame Gefühl wurde stärker.
Diese Vorahnung, die sie sich nicht erklären konnte.
Kurz vor der Abreise geschah etwas Unerwartetes.
Matteo begann zu weinen.
Lucia nahm ihn sofort auf den Arm.
Aber der Kleine beruhigte sich nicht.
Das war ungewöhnlich für ihn.
„Was hat er?"
Fragte Viktoria.
Lucia schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht."
Da trat Adrian hinzu.
Und kaum nahm er das Baby auf den Arm …
Hörte Matteo auf zu weinen.
Sofort wurde es still.
Alle begannen zu lächeln.
„Sieh dir das an."
Sagte Isabella.
„Er erkennt dich eindeutig."
Adrian betrachtete den Kleinen.
Und empfand tiefe Rührung.
Denn mit jedem Tag wurde es schwerer, sich daran zu erinnern, dass diese Kinder nicht sein Blut trugen.
In seinem Herzen waren sie längst seine eigenen.
Als es Zeit war aufzubrechen, begleitete Lucia Adrian zum Eingang.
Die anderen saßen schon in den Wagen.
Warteten.
„Ich bin bald zurück."
Versprach er.
Lucia versuchte zu lächeln.
„Das will ich dir auch geraten haben."
„Denn vier Babys und eine ganze Familie werden hier auf dich warten."
Einige Sekunden standen sie schweigend da.
Sahen sich an.
Immer näher.
Immer bewusster, was sie füreinander empfanden.
Doch bevor einer von beiden noch etwas sagen konnte, hupte Richard.
„Los jetzt!"
„Die Geschichte entdeckt sich nicht von allein!"
Alle lachten.
Die Wagen begannen sich zu entfernen.
Und Lucia stand da und blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren.
Ohne zu ahnen, dass diese Expedition alles verändern würde.
Denn im Silbertal würden sie nicht nur neue Hinweise finden.
Sondern auch Feinde.
Geheimnisse.
Und eine Wahrheit, die die Grundfesten der Familie Falkenberg erschüttern konnte.
Unterdessen beobachtete, verborgen im Schatten, der unbekannte Mann die Fahrzeuge beim Davonfahren.
Und lächelte.
„Perfekt."
Murmelte er.
„Das Spiel hat begonnen."
„Und diesmal …"
„Werden nicht alle als dieselben zurückkehren."
Der Mann, der im Winter kam
Kapitel 24: Das Silbertal
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