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Durst des Herrn

Prolog

Der Abend legte sich über Grünbach wie eine warme Decke, die allen Bewohnern Frieden brachte. Allen außer Amara. Die Neunzehnjährige kauerte auf der wackeligen Holzpritsche, die Finger in den Saum ihrer Bluse gekrallt, die an der Brust immer enger zu werden schien. Ein pochender Schmerz pulsierte dort, als dränge etwas aus ihrem Inneren nach draußen.

Seit einem Monat durchlief Amaras Körper eine verstörende Verwandlung. Obwohl sie unberührt war und noch nie einem Mann nahe gewesen, produzierten ihre Brustdrüsen unablässig Milch. Jeden Morgen musste sie heimlich die durchnässten Tücher wechseln, die sie um ihre Brust gewickelt trug. Sie fühlte sich wie eine Anomalie — ein medizinisches Geheimnis, das sie um jeden Preis vor den Dorfbewohnern verborgen hielt.

Doch der körperliche Schmerz war nichts gegen das, was sie empfand, wenn ihre Mutter Renate in der Küche weinte. Die Schulden ihres verstorbenen Vaters hatten sich aufgetürmt, und die Geldeintreiber kamen inzwischen mit offenen Drohungen. Amara beobachtete ihre jüngeren Geschwister Leni und Tim, die sich einen einzigen Teller Maisbrei teilten, ohne Beilage, ohne alles. Bei diesem Anblick zerbrach ihr das Herz.

„Mama, ich fahre morgen in die Stadt", sagte sie mit bebender, aber fester Stimme. Sie wusste, dass ihre unschuldige Schönheit und ihr reifer Körper ihr im Dorf zur Last fallen konnten — doch in der Großstadt hoffte sie, beides in ehrliche Arbeit umzumünzen.

Die Reise in die Hauptstadt zog sich wie ein endloser Albtraum. Amara saß eingekeilt im überfüllten Fernbus, den Rucksack an die Brust gedrückt. Draußen glitten grüne Felder vorbei, wichen Fabrikgeländen und verwandelten sich schließlich in eine Skyline aus Glas und Stahl, die sich mit kalter Arroganz in den Himmel reckte. Die Stadt empfing sie mit drückender Hitze und einem Lärm, der ihr die Luft abschnürte.

Als sie vor der imposanten Villa im Diplomatenviertel stand, fühlte Amara sich winzig. Das Gebäude war so gewaltig, als könnte es sie mit einem Bissen verschlingen. Hier traf sie auf Arlan Winterberg — einen Mann, der alles besaß außer Glück. Arlan war kalt, sein Blick hart wie Stahl, sein Herz zu Stein geworden, seit seine Frau ihn für einen anderen verlassen hatte.

In dem prachtvollen Haus herrschte eine beklemmende Atmosphäre. Das Schreien des drei Monate alten Kenzo hallte durch jeden Korridor. Der kleine Junge war das Opfer des Verrats seiner eigenen Mutter. Er verweigerte jede Säuglingsnahrung, die man ihm anbot — er sehnte sich nach menschlicher Wärme, nicht nach dem sterilen Plastik einer Flasche. Arlan, der mit ansehen musste, wie sein Sohn litt, stand kurz davor, den Verstand zu verlieren.

Als Amara zum ersten Mal das Kinderzimmer betrat, geschah etwas Seltsames. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Der typische Babyduft löste eine heftige hormonelle Reaktion in ihr aus — ihre Brüste wurden schwer und prall, als erkenne ihr Körper instinktiv, was dieses Kind brauchte. Eine urtümliche Verbindung knüpfte sich zwischen dem jungfräulichen Mädchen vom Land und dem Säugling, der nach mütterlicher Nähe dürstete.

Amara wusste, dass sie an der Schwelle einer gefährlichen Entscheidung stand. Wenn sie Kenzo gab, was sie besaß, würde sie dem Baby vielleicht das Leben retten — sich aber auch in ein undurchschaubares Geflecht mit Arlan verstricken. Mit dem verwundeten Arlan, dem zornigen Arlan, dem Arlan, der sie mit einer Mischung aus Misstrauen und unbewusster Faszination musterte.

Was in dieser Villa heranwachsen würde, war mehr als bloße Berührung. Es war die Kollision zweier Gegenpole: Amara, das Leben selbst, klar und rein — und Arlan, eine dunkle Leere. Inmitten des einsamen Luxus würde Amaras süßes Geheimnis zur Brücke werden zwischen ihnen. Und zum Abgrund.

Jetzt stand Amara vor der Tür des Kinderzimmers, bereit, ihrem Schicksal entgegenzutreten. Sie war nicht gekommen, um Windeln zu wechseln oder eine Wiege zu schaukeln. Sie kam als Quelle des Lebens. Sie kam, um Kenzos Durst zu stillen — und ohne es zu ahnen, auch die Leere im Herzen des Hausherrn, der längst aufgehört hatte zu fühlen.

Dies war der Anfang einer langen Reise. Die Geschichte eines Mädchens, das sich aus Hingabe an ihre Familie in einen Strudel der Leidenschaft ziehen ließ. Unter den Kristalllüstern der Villa Winterberg würde bald der erste Tropfen fallen und das Leben von Amara, Kenzo und Arlan für immer verändern. Die Reise hatte gerade erst begonnen.

Kapitel 1: Fahrkarte in die Hoffnung

Die Morgenluft über Grünbach biss noch in die Knochen, doch Amara stand bereits in der kleinen Küche mit den Bambuswänden. Während sie das Drücken in ihrer Brust unterdrückte — die vertraute Enge, die sie inzwischen jeden Morgen heimsuchte —, wickelte sie Maisbrei und gebratenen Fisch in ein sauberes Tuch.

„Kleines, willst du wirklich schon jetzt los?"

Amara drehte sich um. Ihre Mutter Renate stand im Türrahmen, die Augen verquollen. Hinter ihr rieben sich Leni, sieben Jahre alt, und der fünfjährige Tim verschlafen die Augen.

Amara zwang sich zu einem Lächeln, obwohl sich ihr Herz wie in einer Faust anfühlte. „Mama, wenn ich nicht in die Stadt gehe — wovon sollen Leni und Tim zur Schule? Und die Schulden beim Wucherer müssen auch irgendwann bezahlt werden."

„Aber die Stadt ist so weit weg, Schätzchen. Du hast gerade erst die Schule abgeschlossen. Ich komme mir vor wie eine Versagerin, wenn ich dich als Kindermädchen wegschicken muss." Renate schluchzte und strich über die Schulter ihrer Tochter, die so aufrecht wirkte und doch so zerbrechlich war.

„Geht die große Schwester weg?" Tim lief zu Amara und umklammerte ihr Bein. „Bitte nicht! Wer fängt dann mit mir Grashüpfer?"

Amara ging in die Hocke, bis sie auf Augenhöhe mit ihrem Bruder war, und strich ihm über die runde Wange. „Tim ist doch ein kluger Junge, oder? Ich bin nur kurz weg, um Geld zu verdienen, damit du einen neuen Ranzen bekommst und leckere Milch. Wenn ich wiederkomme, bringe ich dir ein richtig großes Spielzeug mit."

„Ehrlich?" Tims Augen leuchteten auf. Amara nickte entschlossen, obwohl ihr die Kehle zugeschnürt war.

Leni, die für ihr Alter viel zu erwachsen wirkte, blieb stumm stehen. Sie trat näher und flüsterte: „Dein Oberteil ist wieder nass."

Amara zuckte zusammen und zog hastig ihr Schultertuch vor die Brust. Das Nässen hatte wieder eingesetzt. „Pst — alles gut, Leni. Ich hab nur ein bisschen geschwitzt."

„Das ist kein Schweiß. Es riecht süß", wisperte Leni mit kindlicher Arglosigkeit.

Amara drückte beide Geschwister fest an sich und verbarg ihr Gesicht, damit sie ihre Tränen nicht sahen. Nur sie selbst kannte das seltsame medizinische Geheimnis ihres Körpers. In einem Gesundheitsbuch der Schulbücherei hatte sie einmal etwas über Hormonüberschüsse gelesen, sich aber nie getraut, ihrer ohnehin überforderten Mutter davon zu erzählen.

„Ich verspreche es dir, Mama", sagte Amara, stand auf und küsste ehrfürchtig den Handrücken ihrer Mutter. „Jeden Monat schicke ich Geld. Pass auf dich auf, und auf Leni und Tim. Bei der Familie Winterberg werde ich schon klarkommen. Es heißt, sie seien gute Leute."

Renate reichte ihr ein in ein Tuch gewickeltes Päckchen. „Für unterwegs. Pass auf dich auf, Kleines. Und bewahre deine Ehre. In der Großstadt lauern Wölfe im Schafspelz."

Amara nickte, doch in Gedanken dachte sie nur: Sollen die Wölfe ruhig kommen — Hauptsache, meine Familie hat zu essen.

Mit dem abgewetzten Rucksack auf dem Rücken und rasendem Puls trat sie aus dem winzigen Haus. Sie drehte sich nicht noch einmal um, als der Fernbus sich in Bewegung setzte, denn sie wusste: Ein einziger Blick zurück, und sie hätte es nicht über sich gebracht zu gehen.

Was sie nicht ahnte — in der Großstadt würde sie weit mehr sein als ein Kindermädchen. Sie würde zur Oase für einen Mann werden, dessen Herz seit Langem verdorrt war.

* * *

Amara holte tief Luft, als sich die Bustüren am Fernbusbahnhof öffneten. Abgase, Motorenlärm und das Gewimmel Tausender Menschen schlugen ihr ins Gesicht. Doch all die Erschöpfung schien zu verfliegen, als sie den Horizont betrachtete.

Wolkenkratzer ragten in den Himmel, durchstießen die dünne Dunstschicht. Für Amara wirkten sie wie gläserne Riesen, die das Nachmittagslicht zurückwarfen.

„Wahnsinn ... so hoch", murmelte sie und griff fester nach dem Riemen ihres Rucksacks. Ihre Augen konnten sich nicht losreißen von der Pracht, die sie hinter den Hügeln ihres Dorfes nie zu Gesicht bekommen hatte.

„Steh nicht rum und träum, sonst ist dein Portemonnaie weg." Eine frische Frauenstimme riss sie aus ihren Gedanken.

Amara fuhr herum und erblickte eine Frau um die vierzig, ordentlich, aber schlicht gekleidet. Frau Berger — die entfernte Verwandte, die ihr die Stelle vermittelt hatte.

„Frau Berger!" Amara lächelte erleichtert. Endlich eine vertraute Seele in diesem Betondschungel.

„Komm, Amara. Wir nehmen ein Taxi. Herr Winterberg wartet schon. Das Baby schreit seit heute Morgen ohne Unterbrechung." Frau Berger zog Amara an der Hand zur Taxischlange.

Im Wagen, der sie in Richtung Diplomatenviertel brachte, presste Amara die Nase gegen die Scheibe. Sie staunte über die Luxuslimousinen und die Lichter, die sich in der Dämmerung entzündeten. Doch die Stimmung wurde ernst, als Frau Berger mit leiser, eindringlicher Stimme zu sprechen begann.

„Hör genau zu, Amara. Beim Haus Winterberg zu arbeiten ist nicht wie daheim auf dem Dorf. Dein Gehalt ist großzügig — mehr als genug für Lenis und Tims Schulgeld jeden Monat. Aber die Verantwortung ist gewaltig."

Amara nickte eifrig. „Was muss ich tun, Frau Berger? Ich lerne schnell."

„Deine einzige Aufgabe ist Baby Kenzo. Er ist erst drei Monate alt, der Ärmste — seine Mutter hat ihn einfach im Stich gelassen. Aber merk dir eins." Frau Bergers Blick wurde scharf. „Frag niemals nach seiner Exfrau. In dem Haus ist ihr Name tabu. Provozier den Herrn nicht."

„Verstanden. Ich werde mich nicht erdreisten."

„Und was Herrn Winterberg betrifft ..." Frau Berger seufzte tief. „Er ist ein sehr kalter Mensch. Sehr streng. Wenn er an dir vorbeigeht, senk den Blick und sieh ihm nicht zu lange in die Augen, es sei denn, er spricht dich direkt an. Er duldet keinen Lärm, keine Nachlässigkeit, und vor allem — fass niemals etwas in seinem Arbeitszimmer an."

Amara schluckte. Nervosität kroch bis in ihre Fingerspitzen. „Herr Winterberg ... ist er jähzornig?"

„Er ist ein Mann, der gerade sehr viel Schmerz hat, Amara. Sein Herz ist zu Stein geworden, seit seine Frau ihn betrogen hat. Ach, und noch etwas." Frau Berger musterte Amara von oben bis unten. „Herr Winterberg ist extrem penibel, was Sauberkeit angeht. Du musst immer gepflegt und frisch sein. Und bist du bereit für Bereitschaftsdienst rund um die Uhr? Baby Kenzo verweigert jede Säuglingsnahrung. Er lässt sich so gut wie nicht beruhigen."

Amara fasste sich an die Brust, die wieder schmerzhaft pochte. Warme Nässe sickerte erneut durch den Stoff ihrer Unterwäsche. „Ich werde mein Bestes geben, Frau Berger. Ich brauche diese Stelle wirklich — für meine Mutter daheim."

Das Taxi hielt vor einem hohen, schwarzen Eisentor. Als es sich lautlos zur Seite schob, ragte dahinter eine Villa im modernen europäischen Stil empor, eingebettet in einen makellos angelegten Garten.

„Denk an das, was ich gesagt habe, Amara", flüsterte Frau Berger, als sie ausstiegen. „Sprich nur, wenn es nötig ist, und behandle Baby Kenzo, als wäre er deine ganze Welt. Verstanden?"

„Verstanden", antwortete Amara leise und versuchte, ihren rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen.

Als sie die weitläufige Eingangshalle aus glänzendem Marmor betraten, wehte von oben das durchdringende Schreien eines Babys herab, durchbrochen vom gedämpften Donnern einer männlichen Stimme, die vor Frustration vibrierte.

„Warum hört er nicht auf?! Ist denn keine einzige von euch imstande, ein Baby zu versorgen?!"

Amara erschauerte. Die Stimme war tief und schneidend autoritär. Ihre Füße fühlten sich bleischwer an, doch sie wusste — hinter der großen Tür dort oben entschied sich das Schicksal ihrer Familie.

Kapitel 2: Begegnung unter Tränen

Amaras Schritte wogen schwer, als sie die geschwungene Treppe mit dem dicken Teppichbelag hinaufstieg. Je näher sie dem oberen Stockwerk kam, desto schriller drang das Babygeschrei zu ihr herab, untermalt vom Scharren verschiebener Möbel. Frau Berger, die vor ihr ging, wirkte angespannt und strich sich immer wieder die Schürze glatt, als rüste sie sich für eine Schlacht.

„Warten Sie hier kurz", flüsterte Frau Berger, als sie vor einer massiven Eichentür standen.

Sie klopfte behutsam. „Herr Winterberg — das neue Kindermädchen ist da."

„Herein!" Die Stimme war nicht nur tief, sie schwang vor kaum gezügelter Wut.

Als die Tür aufschwang, stockte Amara der Atem. Das Kinderzimmer war riesig — vermutlich so groß wie ihr gesamtes Elternhaus —, und doch lag eine erstickende Schwere über dem Raum. In der Mitte lief ein Mann in einem zerknitterten schwarzen Hemd rastlos auf und ab, ein strampelndes, schreiendes Bündel im Arm.

„Er rührt die Flasche nicht an, Frau Berger! Drei verschiedene Sorten haben wir heute schon durchprobiert!" Arlan sprach, ohne sich umzudrehen. Sein Gesicht war gezeichnet von Erschöpfung, tiefe Furchen der Frustration auf der Stirn.

Frau Berger gab Amara ein Zeichen, näher zu treten. Amara gehorchte mit gesenktem Kopf, wie man es ihr eingeschärft hatte, doch ihre Augen streiften Arlan aus der Nähe. Er war weit größer, als sie ihn sich vorgestellt hatte — markantes Kinn, ein herbes Holzparfüm, das sich mit dem säuerlichen Geruch von Babymilch mischte.

„Das ist Amara, Herr Winterberg. Das Mädchen vom Land, von dem ich Ihnen erzählt habe", sagte Frau Berger leise.

Arlan blieb abrupt stehen. Er drehte sich um und musterte Amara von Kopf bis Fuß. Sein Blick war so durchdringend, als seziere er jedes Geheimnis, das sie mit sich trug.

„Die? Die ist ja noch ein halbes Kind." Seine Stimme troff vor Kälte. „Kann sie überhaupt ein Baby versorgen? Kenzo ist in einem furchtbaren Zustand. Ich brauche hier keine Anfängerin."

Amara wagte es, den Blick ein wenig zu heben — nur um ihn sofort wieder zu senken, als Arlans dunkle Augen sie trafen wie ein Schlag. „Ich ... ich habe meine beiden jüngeren Geschwister aufgezogen, Herr Winterberg. Bitte geben Sie mir eine Chance."

Arlan stöhnte auf, als Kenzo in seinen Armen von Neuem losbrüllte und sich dunkelrot im Gesicht anlief. Seine Geduld war am Ende. Wortlos streckte er ihr das Baby entgegen. „Nimm ihn. Beweis mir, dass du zu etwas nutze bist, oder du fährst heute Nacht noch nach Hause."

Amara nahm den winzigen Körper entgegen. In dem Moment, als Kenzos Haut ihren Arm berührte, durchflutete sie eine Welle von Wärme. Ihre Brust pochte heftig — der aufgestaute Schmerz darin schien plötzlich seinen Auslöser gefunden zu haben.

Und dann geschah etwas Erstaunliches: In Amaras Armen wurde Kenzo allmählich still. Sein Schreien verebbte zu einem leisen Wimmern. Er schmiegte den Kopf an ihre Brust — genau an die Stelle, die am meisten schmerzte — und begann zu schnüffeln, als wittere er einen vertrauten Duft.

Arlan erstarrte. Er kniff die Augen zusammen und beobachtete, wie der Säugling, den keine Hand der Welt hatte beruhigen können, unter den Händen dieses Mädchens vom Land zahm wurde.

„Warum ist er auf einmal ruhig?" Arlans Stimme war leiser geworden, aber nicht weniger bedrohlich.

„Vielleicht ... braucht Kenzo einfach eine Umarmung, die sich geborgen anfühlt, Herr Winterberg", stammelte Amara. Ihr Herz hämmerte — nicht nur vor Angst, sondern weil die Nässe an ihrer Brust sich nicht mehr bändigen ließ. Sie spürte, wie der Stoff ihres BHs sich vollsog.

„Frau Berger, lassen Sie uns allein. Sie soll versuchen, ihm noch einmal die Flasche zu geben. Vor meinen Augen." Arlans Ton duldete keinen Widerspruch.

Frau Berger warf Amara einen besorgten Blick zu, bevor sie den Raum verließ und die Tür hinter sich schloss. Jetzt waren nur noch Amara, das unruhig suchende Baby und Arlan in dem großen Zimmer — er stand wenige Schritte entfernt, die Arme verschränkt, und beobachtete sie.

Amara schluckte. Sie wusste, dass Kenzo nicht die Plastikflasche auf dem Nachttisch suchte. Kenzo suchte die Lebensquelle, die gerade Amaras Körper quälte.

* * *

Kalter Schweiß rann über Amaras Schläfen. Kenzo auf ihrem Arm wurde zusehends fordernder — seine winzigen Fäuste packten den Stoff ihrer Bluse direkt über der prallen Brust, sein Kopf schwenkte wild hin und her auf der Suche nach dem süßen Duft, der seine Sinne betörte.

Der Druck in Amaras Brust war kaum noch auszuhalten. Wenn sie nicht bald Erleichterung fand, würde nicht nur Kenzo in Geschrei ausbrechen — ihre Bluse würde sich durchnässen, und das Geheimnis wäre verraten.

„Herr Winterberg ... Verzeihung", begann Amara mit zitternder Stimme und wich einen Schritt zurück. „Dürfte ich ... dürfte ich Sie bitten, kurz hinauszugehen? Ich möchte versuchen, Kenzo allein zu beruhigen. Vielleicht braucht er eine ruhigere Atmosphäre, ohne — ohne andere Menschen im Raum."

Arlans Brauen zogen sich zusammen. Sein scharfer Blick bohrte sich in sie, als könne er bis in ihr Herz sehen.

„Du wirfst mich aus dem Zimmer meines eigenen Sohnes?" Jedes Wort war leise und schneidend.

„Nein, das nicht, Herr Winterberg ... ich dachte nur, vielleicht spürt Kenzo die angespannte Stimmung und —" Amara suchte nach Ausreden, während sie den frustriert wimmernden Kenzo fester an sich drückte.

Arlan trat einen Schritt auf sie zu und verengte den Abstand zwischen ihnen. Amaras Nase fing seinen herben, maskulinen Duft auf, der — aus Gründen, die sie nicht verstand — ihre Hormone noch stärker in Aufruhr versetzte.

„Hör zu, Dorfmädchen", sagte Arlan, sein Gesicht nun direkt vor ihrem. „Ich kenne dich seit zehn Minuten. Du bist eine Fremde. Und du glaubst, ich lasse dich mit meinem Sohn allein, ohne Aufsicht? Vergiss es."

„Aber Herr Winterberg, Kenzo braucht wirklich Ruhe. Ich verspreche, nichts Unrechtes zu tun." Amara flehte beinahe. Das Baby zerrte inzwischen an ihrem Kragen, den Mund weit geöffnet, suchend.

„Was genau willst du tun, das ich nicht sehen darf?" Misstrauen blitzte in Arlans Augen. Sein Blick glitt nach unten — er bemerkte, wie Amaras Hand immer wieder gegen ihre Brust presste, als unterdrücke sie einen Schmerz. „Warum hältst du dir die ganze Zeit die Brust? Versteckst du etwas?"

Amaras Gesicht lief feuerrot an. „Nein, Herr Winterberg. Ich ... ich ..."

„Belüg mich nicht!" Der leise, aber messerscharfe Ausruf traf sie wie eine Ohrfeige. „Nimm die Flasche und gib sie ihm. Jetzt. Vor mir. Ich will sehen, wie du arbeitest."

„Er will die Flasche nicht! Sehen Sie doch, er stößt sie weg!" Amara rief es verzweifelt, als Kenzo wieder losschrie, weil er nicht bekam, wonach er verlangte.

Dieses Mal klang Kenzos Weinen herzzerreißend. Das Baby strampelte wild, und sein kleiner Ellbogen traf Amaras geschwollene Brust. Amara unterdrückte einen Schmerzlaut. Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln — der körperliche Schmerz und der seelische Druck verschmolzen zu einer einzigen Qual.

„Warum weinst du? Nur weil ich dich angefahren habe?" Arlan schien ehrlich überrascht, sein Hochmut für einen Augenblick durchbrochen.

„Bitte, Herr Winterberg ... ich flehe Sie an", wisperte Amara zwischen Schluchzern. „Lassen Sie mich es auf meine Art versuchen. Ich garantiere Ihnen, Kenzo ist in fünf Minuten still. Wenn nicht, dürfen Sie mich auf der Stelle vor die Tür setzen. Aber bitte — geben Sie uns einen Moment für uns allein."

Arlan schwieg. Er betrachtete seinen leidenden Sohn, dann das Mädchen vor ihm, das offensichtlich etwas quälte, das er nicht begriff. Ein Teil von ihm wollte sie erneut anfahren — doch angesichts ihrer Zerbrechlichkeit regte sich etwas Unbekanntes in seiner Brust.

„Zwei Minuten", zischte er und wandte sich zur Tür. „Ich stehe direkt dahinter. Wenn ich irgendetwas Verdächtiges höre, komme ich rein, und du wirst es bereuen, jemals einen Fuß in dieses Haus gesetzt zu haben."

WUMM!

Die schwere Eichentür fiel ins Schloss.

Amara entließ einen zittrigen Atemzug der Erleichterung. Hastig drehte sie den Schlüssel um, obwohl sie wusste, dass Arlan sie vermutlich über die Kameras beobachtete — oder direkt hinter dem Holz stand und lauschte.

„Sch, sch, Kleiner. Verzeih mir", flüsterte sie dem Baby zu.

Mit bebenden Händen ließ sie sich in den Schaukelstuhl in der Ecke sinken. Einen nach dem anderen öffnete sie die Knöpfe ihrer Arbeitsbluse. Sobald der Stoff sich teilte, wurde Kenzo augenblicklich still. Seine nassen Augen richteten sich unverwandt auf Amara. Als sie ihn an ihre Brust führte, griff er gierig zu, als habe er einen verlorenen Schatz gefunden.

Amara schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück. Der Schmerz, der sie gepeinigt hatte, wich einer überwältigenden Erleichterung. Doch hinter der Tür stand Arlan reglos. Die plötzliche Stille im Inneren des Zimmers machte ihn noch neugieriger — und brachte etwas in ihm zum Klopfen, das er nicht einordnen konnte.

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