Das Erbe der Schwarzen Perle
Abschaum und Perle
Die Sonne über der Stadt der Fallenden Wolke brannte erbarmungslos, als wollte sie die Erde unter sich rösten. Doch im hintersten Hof des Chen-Klan-Komplexes mischte sich die Hitze mit Staub und dem beißenden Gestank von Schweiß.
KRRACK!
Holzsplitter flogen. Chen Kai schwang die Axt mit erzwungener Kraft. Die Sehnen an seinen dünnen Armen traten hervor, und jeder Muskel in seinem Körper schrie in Protest. Es war der zehnte Holzstapel, den er heute fertigstellen musste, bevor er die Wäsche der Schüler erledigen durfte.
Schweiß rann an seinen Schläfen herab und durchnässte sein stumpfes, wirres Haar. Sein grober Leinenkittel war verschlissen und roch säuerlich.
Drei Jahre.
Seit drei vollen Jahren war das sein Leben.
Er hielt inne, lehnte die Axt an und starrte auf seine schwieligen, blasenübersäten Handflächen. In dieser Welt, in der Stärke alles bedeutete, in der Kultivierende Flüsse spalten und Berge einebnen konnten — verbrachte er, Chen Kai, seine Tage mit Drecksarbeit, die selbst der niedrigste Diener abgelehnt hätte.
Dabei war es nicht immer so gewesen.
Eine Erinnerung blitzte durch seinen Kopf, so scharf, dass sie schmerzte. Er sah sich selbst mit zwölf Jahren auf der Talentprüfungsbühne des Chen-Klans stehen. Der Geist-Prüfstein leuchtete in blendendem Gold und offenbarte neun geöffnete Meridiane — eine „Himmlische Spirituelle Wurzel", wie sie nur äußerst selten vorkam.
Die Ältesten des Klans hatten vor Freude gelacht. Sein Vater, der Patriarch, hatte ihm stolz den Kopf getätschelt. Die gesamte Stadt der Fallenden Wolke war außer sich gewesen. Man pries ihn als Genie, das nur einmal in tausend Jahren erschien — die Zukunftshoffnung des Chen-Klans auf dem Weg zum mächtigsten Klan des Kaiserreichs.
Mit dreizehn durchbrach er zur Qi-Kondensationsstufe fünf. Mit vierzehn erreichte er die Spitze der Qi-Kondensation, bereit für den Schritt zur Fundamentaufbaustufe.
Dann … zerbrach alles.
Jene Nacht war kalt gewesen. Ein unvorstellbarer Schmerz hatte sein Dantian zerrissen, als ob Zehntausende Feuerameisen seine Meridiane von innen zerfraßen. Er schrie, doch kein Laut drang über seine Lippen. Als er am nächsten Morgen erwachte, war etwas verschwunden.
Seine Spirituelle Wurzel war gelähmt. Die neun strahlenden Meridiane waren geschrumpft und verstopft, schlimmer als selbst die niedrigste aller sterblichen Wurzeln. Die Energie von Himmel und Erde — das Qi — wollte nicht mehr in seinen Körper eintreten.
Über Nacht war das Genie zum Abschaum geworden.
Sein Vater hatte sich vor Scham in geschlossene Meditation zurückgezogen und war nie wieder aufgetaucht. Die Ältesten, die ihn einst gepriesen hatten, betrachteten ihn nun mit Ekel und Mitleid. Sein Titel als „Junger Patriarch" wurde ihm entzogen und an seinen Cousin vergeben.
Und er … er wurde in den Hof der Grobarbeiter verbannt.
„Na, sieh mal einer an! Unser Genie arbeitet ja fleißig!"
Die eingebildete Stimme, die er so verabscheute, riss Chen Kai aus seinen Gedanken.
Drei junge Männer näherten sich. Sie trugen hellblaue Seidenroben — die Uniform der Klanschüler. An ihrer Spitze ging Chen Wei, sein Cousin, der jetzt den Titel des Jungen Patriarchen trug.
Chen Weis Gesicht war hübsch, doch ein dauerhaftes höhnisches Lächeln verzerrte seine Lippen. Er schlenderte mit verschränkten Händen hinter dem Rücken heran, das Kinn erhoben, und blickte auf Chen Kai herab, als betrachtete er ein Insekt. Die beiden Gefolgsleute hinter ihm kicherten mit spöttischen Mienen.
Chen Kai sagte nichts. Er wandte sich um und hob die Axt.
KRRACK!
„Du wagst es, mich zu ignorieren, du Taugenichts?" Chen Wei schnaubte. Er trat gegen den sauber aufgeschichteten Holzstapel und brachte ihn zum Einsturz.
„Sieh dich an", sagte Chen Wei und umkreiste ihn. „Widerlich. Schweiß und Dreck. Ich kann nicht glauben, dass wir einmal dieselbe Blutlinie teilten. Du bist die größte Schande des Chen-Klans."
Einer der Gefolgsleute setzte nach: „Der Junge Patriarch Wei ist bereits auf Qi-Kondensationsstufe vier! Er ist das wahre Genie. Und du — man hört, du schaffst es kaum, die erste Stufe zu halten?"
Chen Kai biss die Zähne zusammen. Seine Finger umklammerten die Axt so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Er wusste, was sie wollten. Sie wollten, dass er ausrastete. Dass er zurückschlug. Dann hätten sie einen Vorwand, ihn zu „bestrafen", weil er den Jungen Patriarchen angegriffen hatte.
Diese Genugtuung würde er ihnen nicht geben.
Er senkte den Kopf. Seine Stimme war rau vor Durst. „Junger Patriarch Wei. Dieser niedere Arbeiter ist beschäftigt."
Chen Wei brach in schallendes Gelächter aus. „Niederer Arbeiter! Hahaha! Du bist nicht einmal ein Schüler! Du bist ein Sklave! Ein Hund, den der Chen-Klan aus Mitleid aufgelesen hat!"
Er trat einen Schritt vor und klopfte mit der flachen Hand auf Chen Kais Wange — eine Geste tiefster Erniedrigung. „Hör zu, Abschaum. In Kürze findet der jährliche Klanwettbewerb statt. Mein Vater, der amtierende Patriarch, überlegt, alle nutzlosen Klanmitglieder auszustoßen, die nur Ressourcen verbrauchen. Du weißt, wer ganz oben auf der Liste steht, oder?"
In Chen Kais Augen blitzte etwas Kaltes auf.
„Genieß deine verbleibende Zeit hier", flüsterte Chen Wei. Dann wandte er sich zu seinen Gefolgsleuten. „Die Holzstapel sehen nicht besonders ordentlich aus. Ein ziemliches Durcheinander."
„Zu Befehl, Junger Patriarch!"
Die beiden Gefolgsleute grinsten boshaft. Sie gingen zu den mühsam aufgestapelten Holzscheiten und traten sie wild auseinander, bis sie über den ganzen staubigen Hof verstreut lagen.
„Gute Arbeit, Hund. Werde damit fertig, bevor die Sonne untergeht — sonst gibt es kein Abendessen für dich und deine kränkelnde Schwester!"
Beim Wort „Schwester" zuckte eine eisige Tötungsabsicht durch Chen Kais Augen, so dicht, dass Chen Wei unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Doch es war nur ein Moment. Chen Kai beherrschte sich und senkte erneut den Kopf.
Chen Wei kniff die Augen zusammen, verärgert, dass er keine stärkere Reaktion bekommen hatte. „Tch. Abschaum bleibt Abschaum."
Die drei lachten und gingen, ließen Chen Kai allein inmitten des verwüsteten Hofes zurück, unter der gnadenlosen Sonne.
Minutenlang stand Chen Kai reglos da. Dann, mit einem Atemzug, der vor unterdrückter Wut zitterte, begann er die Holzscheite aufzusammeln. Eines nach dem anderen.
Demütigungen gegen sich selbst konnte er ertragen. Aber nicht, wenn sie seine Schwester betrafen.
Nach zwei weiteren Stunden Zwangsarbeit begann die Sonne endlich zu sinken. Chen Kai schleppte seinen erschöpften Körper weiter, ignorierte den Hunger, der in seinem Magen nagte. Er ging nicht zur Speisehalle, sondern schlich sich in die hintere Küche, nahm die ihm zugeteilten kalten Dampfbrötchen und eilte zum abgelegensten Winkel des gesamten Komplexes.
Hier lebten er und seine Schwester — in einer baufälligen Hütte, die kaum den Wind abhielt.
Er schob die knarrende Holztür auf. „Ling'er, ich bin zurück."
Der Raum war klein und roch nach bitteren Kräutern. Auf einem einfachen Holzbett lag ein dreizehnjähriges Mädchen unter einer dünnen Decke. Ihr Gesicht war bleich wie Papier, und trockenes Husten erschütterte ihren zerbrechlichen Körper.
Die Augen des Mädchens — Chen Ling — öffneten sich. Als sie Chen Kai sah, verwandelte sich ihr matter Ausdruck augenblicklich in ein strahlendes Lächeln. „Du bist zurück!"
All die Wut, die Demütigungen und die Erschöpfung des ganzen Tages fielen von Chen Kai ab, verdrängt von einer Wärme in seiner Brust. Er kniete neben dem Bett nieder.
„Wie fühlst du dich heute?", fragte er sanft und strich ihr das schweißnasse Haar aus dem Gesicht.
„Besser", flüsterte Chen Ling. Sie versuchte sich aufzusetzen, doch ein heftiger Hustenanfall warf sie zurück.
Chen Kai klopfte ihr behutsam den Rücken. Sein Blick fiel auf die Medizinschale am Nachttisch. „Hast du deine Arznei genommen?"
Chen Ling schüttelte den Kopf, die Augen feucht. „Die Arznei … sie ist fast aufgebraucht. Es reicht nur noch für eine Dosis morgen."
Chen Kais Herz sackte ab.
Seine Schwester litt an der „Gefrorene-Adern-Krankheit" — einem seltenen Leiden, das ihre Meridiane vereiste, ihr die Fähigkeit zur Kultivierung nahm und allmählich ihre Lebensenergie aufzehrte. Das Einzige, was den Verfall verlangsamen konnte, war die „Jadetau-Essenz", eine niedrigstufige Spirituelle Arznei.
Damals, als er noch ein Genie war, hätte er Jadetau-Essenz mit einer Handbewegung beschaffen können. Jetzt … jetzt musste er eine ganze Woche lang auf seine Essensration verzichten, um eine einzige Dosis zu bekommen.
„Mach dir keine Sorgen", sagte Chen Kai und zwang sich zu einem Lächeln. Er zog die kalten Dampfbrötchen unter seiner Robe hervor. „Iss erst einmal. Ich finde einen Weg. Ich verspreche dir, du wirst gesund."
Chen Ling betrachtete das Gesicht ihres Bruders — verdreckt, mit einem Bluterguss auf der Wange, der zweifellos von Chen Wei stammte. Tränen sammelten sich in ihren Augen. „Das ist alles meine Schuld. Wenn ich nicht wäre, müsstest du nicht —"
„Psst." Chen Kai legte einen Finger auf ihre Lippen. „Sag das nie wieder. Du bist der einzige Grund, warum ich durchhalte. Du bedeutest mir alles. Jetzt iss. Ich muss kurz raus."
„Raus? Aber es wird schon dunkel. Die wilden Tiere —"
„Ich muss nur etwas am Hinterberg suchen. Ich bin bald zurück. Schließ die Tür ab."
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich Chen Kai um und verließ die Hütte. Das sanfte Lächeln verschwand von seinem Gesicht, ersetzt durch eine Entschlossenheit, hart wie Stahl.
Er wusste, dass der Chen-Klan ihm keine Jadetau-Essenz mehr geben würde. Er musste sie selbst finden.
Der Berg der Fallenden Wolke, der hinter dem Klan-Komplex aufragte, war nach Einbruch der Dunkelheit ein gefährlicher Ort. Niedrigstufige Geisttiere wie Windwölfe und Eisenzahn-Schlangen durchstreiften das Gelände auf der Suche nach Beute.
Für einen Kultivierenden auf der Qi-Kondensationsstufe war es ein passabler Trainingsplatz. Für Chen Kai, dessen Kultivierung nahezu vollständig gelähmt war, war es eine Todeszone.
Doch er hatte keine Wahl.
Er rannte über die Klangrenze hinaus und verließ sich auf seine Erinnerungen aus besseren Tagen, um durch den dunklen Wald zu navigieren. Seine Augen waren wachsam, seine Ohren registrierten jedes Rascheln der Blätter. Er musste die Jadetau-Essenz finden, bevor seine Schwester ihre nächste Dosis verpasste.
Nach einer Stunde angespannter Suche war er nahe daran aufzugeben. Er war zu schwach. Seine Ausdauer am Ende.
Dann fing sein Blick einen matten Lichtschimmer in der Nähe eines schmalen Bachs auf.
Da war sie!
Zwischen zwei mächtigen Baumwurzeln wuchs ein Kraut mit drei jadegruünen Blättern, die im Mondlicht schwach leuchteten. An jeder Blattspitze hing ein schimmernder Tautropfen. Jadetau-Essenz!
Sein Herz machte einen Freudensprung. Er stürzte vorwärts.
„Na, sieh mal, was wir hier haben."
Zwei Gestalten sprangen von den Bäumen über ihm und versperrten den Weg. Es waren die beiden Gefolgsleute Chen Weis vom Nachmittag.
„Der Junge Patriarch Wei ist wirklich clever", sagte einer von ihnen grinsend. „Er hat gesagt, Abschaum wie du wird bestimmt versuchen, zum Berg zu laufen, um Medizin für deine kränkliche Schwester zu besorgen."
„Und er hat gesagt", fügte der andere hinzu, „wenn wir dich sehen, sollen wir dir eine angemessene ‚Lektion' erteilen. Und natürlich alles an uns nehmen, was du gefunden hast."
Chen Kais Augen verengten sich. „Geht mir aus dem Weg."
„Oh, der Abschaum versucht uns herumzukommandieren?"
Beide lachten. Sie standen auf Qi-Kondensationsstufe zwei. Weit stärker als Chen Kai.
„Gib die Jadetau-Essenz her und knie um Gnade. Dann brechen wir dir vielleicht nur einen Arm", sagte der Erste.
Chen Kai umklammerte die Jadetau-Essenz. Er dachte an Chen Ling, die kraftlos im Bett lag.
Nein. Er würde sie nicht hergeben.
„Dann", sagte Chen Kai mit einer leisen, gefährlichen Stimme, „müsst ihr sie mir nehmen."
„Wie kannst du es wagen!"
Die beiden Gefolgsleute stürzten wütend auf ihn zu.
Chen Kai war schwach, doch er besaß noch immer die Kampfinstinkte eines Genies. Er wich dem ersten Schlag aus und versuchte zum Bach zu fliehen. Aber er war zu langsam.
WUMM!
Ein harter Tritt traf seinen Rücken und schleuderte ihn gegen einen Baum. Blut schoss aus seinem Mund.
„Du willst immer noch rennen, Ratte?"
Sie packten ihn und prügelten auf ihn ein. Chen Kai wehrte sich mit allem, was er hatte, doch es war sinnlos.
Er wurde wieder und wieder getreten, sein Körper rollte über den schlammigen Boden. Er spürte, wie sein Bewusstsein zu schwinden begann.
„Genug", sagte einer der beiden, außer Atem. „Machen wir Schluss."
Er sah sich um, und sein Blick fiel auf etwas hinter Chen Kai. Eine Kluft. Eine tiefe, dunkle Kluft, bekannt als die „Kluft des Geisterbanns".
„Der perfekte Ort, um Müll zu entsorgen", sagte er mit einem boshaften Grinsen.
Sie schleiften den halbbewusstlosen Chen Kai an den Rand der Kluft.
„Leb wohl, Genie", höhnten sie.
Mit einem letzten Tritt flog Chen Kais Körper über die Kante.
Er fiel in bodenlose Finsternis. Wind heulte an seinen Ohren. Sein einziger Gedanke war Reue.
Ling'er … verzeih mir …
Noch immer umklammerte er verzweifelt die Jadetau-Essenz.
Er schlug hart auf. Seltsamerweise starb er nicht. Dichtes Geäst und urzeitliche Vegetation am Kluftsgrund hatten seinen Sturz gebremst.
Doch er war schwer verletzt. Rippen gebrochen. Er spürte die Dunkelheit an den Rändern seines Blickfelds kriechen.
„Nein … ich darf nicht sterben … Ling'er …"
Er versuchte zu kriechen, doch der Schmerz war überwältigend. Seine rechte Hand — die noch immer die kostbare Arznei hielt — versank im kalten Schlamm am Grund der Kluft.
Seine Finger berührten etwas.
Etwas Kleines, Hartes, makellos Rundes. Es fühlte sich kalt an — kalt wie ewiges Eis.
Er hatte nicht die Kraft, es zu betrachten. Blut aus seinen Wunden floss über seine Hand, tränkte den Schlamm und den mysteriösen Gegenstand.
Plötzlich vibrierte das Ding.
Eine grauenhafte Sogkraft brach daraus hervor und saugte Chen Kais Blut auf.
„Argh!"
Im nächsten Moment schoss das Ding aus dem Schlamm und heftete sich an seine Handfläche. Es war eine Perle. Eine pechschwarze Perle, die alles Licht zu verschlingen schien.
Die Perle glühte in einem düsteren, schwachen Schein. Eine knochenbohrende Kälte kroch seinen Arm hinauf, direkt zu seinem gelähmten Dantian.
Schmerz explodierte in seinem Körper — zehnmal schlimmer als in jener Nacht, als seine Kultivierung zerstört wurde. Chen Kai schrie auf.
Dann hallte eine uralte Stimme, so kalt wie die Kluft selbst, nicht in seinen Ohren — sondern direkt in seinem Bewusstsein.
„… Der Kreislauf des Samsara … dreht sich endlich wieder …"
„… Nach dreißigtausend Jahren Schlaf … ein Tropfen Uralten Drachenbluts … hat mich endlich geweckt …"
„… Kleiner. Du … hast Glück."
Bevor Chen Kai das Bewusstsein verlor, spürte er eine erhabene, geheimnisvolle Energie aus der schwarzen Perle brechen und seine zerstörten Meridiane überfluten.
Dunkelheit. Stille.
Dann kehrte das Bewusstsein zurück. Nicht allmählich, sondern wie ein Blitzschlag.
Chen Kai öffnete die Augen.
Das Erste, was er bemerkte: Er hatte keine Schmerzen.
Die gebrochenen Rippen, die Prellungen am Rücken, die Wunden am ganzen Körper von den Schlägen — alles war verschwunden. Nein, nicht nur verschwunden. Sein Körper fühlte sich … leicht an. Leichter als jemals zuvor in seinem Leben.
Er lag am Grund der Kluft des Geisterbanns im Dunkeln, doch er konnte klar sehen. Jede Ader in den uralten Blättern auf dem Boden, jeden Tautropfen in den Spinnweben, jedes Steinchen — alles so scharf wie bei Tageslicht.
Sogar sein Geruchssinn. Er roch die feuchte Erde, das schwache Aroma seltener Kräuter in den Felsspalten und …
… und einen üblen Gestank. Der klebrige Gestank von Schmutz, der seinen ganzen Körper bedeckte.
Bah.
Mit einem Stöhnen setzte sich Chen Kai auf. Er blickte an sich herunter und fand seinen Körper bedeckt mit einer dicken Schicht schwarzen, stinkenden Schweißes. Als hätte sich der gesamte Dreck der letzten drei Jahre durch seine Poren nach außen gedrückt.
„Uraltes Drachenblut … selbst nach Tausenden von Generationen der Verdünnung taugt es immerhin noch für etwas. Zumindest hat es einen Teil des Unrats aus deinem Körper gespült", hallte die uralte Stimme erneut in seinem Bewusstsein.
Diesmal geriet Chen Kai nicht in Panik. Er betrachtete seine Handfläche. Die schwarze Perle war verschwunden. An ihrer Stelle prangte in der Mitte seiner Handfläche eine kleine, filigrane Tätowierung in Form einer dunklen Perle.
„Wer bist du?", fragte Chen Kai mit rauer Stimme. Er sprach nicht laut, doch er wusste, dass die Stimme ihn hören konnte.
Eine kurze Pause trat ein, als müsse das Wesen sich erst erinnern.
„… Du kannst mich Kaiser Yao nennen." Die Stimme triefte vor grenzenlosem Hochmut, als müsste dieser Name allein das Universum erschüttern. „Oder genauer gesagt: Ich bin der Überrest der Seele des erhabenen Kaisers Yao."
„Kaiser Yao?" Chen Kai runzelte die Stirn. Der Name sagte ihm nichts.
„Hmph! Dummkopf! Unwissender Dorfjunge!" Die Stimme klang verärgert. „Dass ich, der Herrscher der Alchemie der Neun Himmel, dreißigtausend Jahre lang in dieser Perle des Urchaos versiegelt war — nur um von einem Tropfen des schmutzigen Bluts eines sterblichen Bengels geweckt zu werden, der nicht einmal die Fundamentaufbaustufe erreicht hat!"
Chen Kai ignorierte die Beleidigungen. Er konzentrierte sich auf die wichtigen Informationen. „Perle des Urchaos? Das … war das Ding, das mein Blut aufgesaugt hat?"
„Selbstverständlich!", fauchte Kaiser Yao. „Der größte göttliche Schatz im gesamten Universum! Eine Welt in sich selbst! Eine göttliche Waffe der Schöpfung! Und jetzt … ist sie an deine erbärmliche Seele gebunden."
Chen Kai versuchte das zu begreifen. Ein göttlicher Schatz? An ihn gebunden?
Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Tätowierung in seiner Handfläche. Augenblicklich wurde sein Bewusstsein hineingesogen.
Er fand sich in einem endlosen, nebelverhangenen Raum wieder. Grauer Nebel wirbelte um ihn herum. In der Mitte des Nebels schwebte eine geisterhafte, halbtransparente Gestalt. Sie trug eine kunstvoll verzierte antike Robe und strahlte eine Aura aus, die so gewaltig war, dass Chen Kai in die Knie gehen wollte. Das musste der Seelenüberrest Kaiser Yaos sein.
Jenseits der Gestalt, im Nebel, spürte Chen Kai … etwas. Er erblickte ein kleines Stück fruchtbaren Bodens, nicht größer als sein Zimmer. Die Erde war tiefschwarz und pulsierte vor reiner Lebensenergie. Daneben befand sich eine winzige Quelle, deren Wasser wie flüssiger Kristall schimmerte.
„Geist-Erde des Chaos und Quell des Ewigen Lebens", sagte Kaiser Yao. Müdigkeit und Stolz lagen gleichermaßen in seiner Stimme. „Das ist alles, was von meiner Welt übrig ist. Doch selbst dieses Stück Erde kann jedes Spirituelle Kraut im Handumdrehen heranwachsen lassen. Und ein einziger Tropfen dieses Wassers kann Tote zum Leben erwecken."
Chen Kais Herz hämmerte. Jedes Spirituelle Kraut?
„Ling'er …", flüsterte er.
„Hmph. Diese lächerliche Gefrorene-Adern-Krankheit?" Kaiser Yao schnaubte verächtlich. „Eine Krankheit für Schwächlinge. Ein Tropfen des Quells könnte sie hundertfach heilen. Aber träum nicht. Deine Seele ist viel zu schwach, um irgendetwas hier herauszuholen. Du schaffst es kaum, dein Bewusstsein hereinzubringen."
Chen Kai ballte die Fäuste. „Was muss ich also tun?"
„Was du tun musst?" Kaiser Yao klang belustigt. „Erstens solltest du mir danken, dass ich deinen kaputten Körper geheilt habe. Die Energie aus der Aktivierung der Perle, zusammen mit deinem Tropfen Drachenblut, hat deine gebrochenen Knochen repariert. Zweitens solltest du fragen … warum du so schwach bist."
Eine Welle der Bitterkeit überrollte Chen Kai. „Meine Spirituelle Wurzel ist vor drei Jahren erlahmt. Ich kann nicht kultivieren."
„ERLAHMT?" Kaiser Yaos Stimme explodierte in seinem Kopf wie Donner, durchsetzt von höhnischem Gelächter. „Hahahaha! Dummkopf! Was für ein ahnungsloser Bengel! Du glaubst, deine ‚Himmlische Spirituelle Wurzel' ist von selbst erlahmt?"
Chen Kais Blut gefror. „Was … was meinst du damit?"
„Sieh dich selbst an!", befahl Kaiser Yao. „Benutze dein Bewusstsein. Schau dir dein Dantian an! Nicht mit deinen jämmerlichen physischen Augen, sondern mit deiner Seele!"
Chen Kai zitterte. Er tat, wie ihm geheißen. Er richtete sein Bewusstsein in sein Inneres, zu seinem Energiezentrum.
Zunächst sah er nur das, was er immer sah: seine neun einst strahlenden Meridiane, nun trüb, verstopft und verwelkt. Sein Dantian — leer und kalt.
„Sieh genauer hin, Dummkopf!", bellte Kaiser Yao. „Sieh dir die Energierückstände um deine ‚gelähmten' Meridiane an!"
Chen Kai zwang seinen Geist tiefer, weiter als je zuvor.
Und dann … sah er es.
Um seinen Hauptmeridian gewunden wie eine parasitäre Schlange, kaum sichtbar, lag ein hauchdünner Strang grauschwarz schimmernder Energie. Diese Energie strahlte eine bösartige, kalte und … hinterhältige Aura aus. Sie war es, die seine Meridiane verstopfte, die langsam die Lebensessenz seiner Spirituellen Wurzel aussaugte.
„Das ist …" Chen Kai schnappte nach Luft. Das war keine natürliche Lähmung. Das war … ein Siegel? Oder ein Fluch?
„Das sind die Überreste der ‚Technik des Seelensauger-Dämons'", sagte Kaiser Yao, die Stimme eiskalt. „Eine niederträchtige dämonische Technik niedrigen Ranges. Jemand hat gezielt das Fundament deiner Spirituellen Wurzel gestohlen. Sie haben sie nicht zerstört — sie haben sie geerntet."
Eine Erinnerung zuckte durch Chen Kais Kopf, so scharf, dass ihm übel wurde.
Die Nacht, nachdem seine Spirituelle Wurzel „erlahmt" war. Er lag im Bett, fiebernd und von Schmerzen geplagt. Ältester Wu — Groß-Ältester des Klans, der zweitmächtigste Mann nach seinem Vater — kam, um nach ihm zu sehen.
Ältester Wus Gesicht war voller Mitgefühl gewesen. „Ach, Chen Kai. Was für eine Tragödie. Unser Genie ist gefallen."
Er erinnerte sich, wie Ältester Wu die faltige Hand auf seine Stirn gelegt hatte. „Mach dir keine Sorgen, mein Junge. Hier, nimm diese ‚Geistwiederherstellungs-Pille'. Sie kann dich nicht heilen, aber sie wird den Schmerz lindern."
Chen Kai, damals noch jung und verzweifelt, hatte die Pille ohne zu zögern geschluckt.
Er erinnerte sich an eine Welle kalter Energie, die sich von seinem Magen ausbreitete, den brennenden Schmerz linderte … und gleichzeitig etwas in seinem Inneren abtötete.
Diese Pille … diese Hand …
„Nein …", flüsterte Chen Kai. Eine Kälte, die nichts mit der Kluft zu tun hatte, kroch sein Rückgrat hinauf.
„Ältester Wu …?"
Er dachte daran, dass Ältester Wu der Erste gewesen war, der vorgeschlagen hatte, den Titel des Jungen Patriarchen an Chen Wei zu übertragen. Dass Ältester Wu ihn in den Hof der Grobarbeiter verbannt hatte — „damit er den amtierenden Patriarchen nicht stört". Dass Chen Weis Vater — sein eigener Onkel zweiten Grades — zum amtierenden Patriarchen ernannt worden war, nachdem sich sein eigener Vater vor „Scham" in Klausur zurückgezogen hatte.
Alles fügte sich zusammen.
Es war kein Unfall gewesen. Es war eine Verschwörung.
Sie hatten ihn nicht nur gelähmt. Sie hatten sein Talent gestohlen.
„Und jetzt verstehst du", sagte Kaiser Yao. „Deine Himmlische Spirituelle Wurzel ist nicht verschwunden. Ihre Essenz wurde gestohlen, höchstwahrscheinlich um sie deinem ‚genialen' Cousin zu geben. Und sie haben dieses Dämonensiegel zurückgelassen, um sicherzustellen, dass du nie wieder kultivieren kannst — damit du langsam daran stirbst."
Chen Kai sagte nichts. Er zitterte nur. Doch es war nicht vor Angst. Es war Zorn.
Ein Zorn, so rein und kalt, dass er brannte.
Sie hatten ihm sein Leben genommen. Seinen Vater zerstört. Seine Schwester in Gefahr gebracht. Alles aus Gier.
„Gut", sagte Kaiser Yao, der die Tötungsabsicht spürte, die von Chen Kai ausging. „Dieser Zorn ist gut. Diese Tötungsabsicht ist gut. Ein Kultivierender ohne beides ist nichts als ein Schaf, das auf die Schlachtung wartet. Und nun — was wirst du tun?"
„Ich werde sie töten", sagte Chen Kai. Jedes Wort klang wie ein Eissplitter. „Chen Wei … seinen Vater … und vor allem Ältester Wu. Ich werde sie tausendfach zurückzahlen lassen."
„Reden ist billig", höhnte Kaiser Yao. „Du bist immer noch Abschaum. Die Technik des Seelensauger-Dämons steckt noch in deinem Körper. Auch wenn die Perle des Urchaos den Großteil deines physischen Unrats beseitigt und dein Drachenblut erweckt hat — das Siegel blockiert nach wie vor deine Kultivierung."
„Dann lehre mich", sagte Chen Kai, die Stimme unerschütterlich. „Du bist Kaiser Yao. Du weißt, wie man es zerstört."
Ein leises Lachen erklang in seinem Kopf. „Natürlich weiß ich das. Dieses lächerliche Siegel? Ich könnte es im Schlaf zerbrechen. Aber die Perle ist an dich gebunden. Wenn du stirbst, wird mein schwacher Seelenrest mit dir vergehen. Ich habe keine andere Wahl, als dir zu helfen."
„Die Restenergie der Perlenaktivierung steckt noch in deinem Körper, und dein Drachenblut hat deine Meridiane gestärkt. Das werden wir nutzen."
„Die Kultivierungstechnik deines Chen-Klans ist Abfall", fuhr Kaiser Yao fort. „Es verdient nicht einmal den Namen ‚Technik'. Vergiss sie. Ich werde dich den ersten Teil meiner eigenen Technik lehren: das ‚Sutra des Ewigen Drachenkaiserherzens'."
Eine unvorstellbare Flut von Informationen ergoss sich in Chen Kais Geist. Keine Worte, sondern Konzepte. Sterndiagramme, verschlungene Qi-Strömungspfade und ein tiefgreifendes Verständnis davon, wie die Energie von Himmel und Erde sich eigentlich bewegen sollte.
Die Technik des Chen-Klans war, als versuchte man einen Fluss durch einen Strohhalm zu trinken. Kaiser Yaos Technik … bedeutete, selbst der Fluss zu werden.
„Setz dich! Meditiere!", befahl Kaiser Yao. „Das Dämonensiegel frisst deine Energie. Wir werden den Spieß umdrehen. Wir werden das ‚Sutra des Ewigen Drachenkaiserherzens' benutzen, um das Siegel zu verschlingen!"
Chen Kai zögerte nicht. Er setzte sich im Schneidersitz in den Schlamm am Grund der Kluft. Er schloss die Augen und folgte Kaiser Yaos Anweisungen.
Er atmete ein. Die Spirituelle Energie in der Kluft — weitaus dichter als im Klan-Komplex — strömte auf ihn zu.
Er ließ die Energie gemäß den Bahnen des Sutra des Ewigen Drachenkaiserherzens zirkulieren. Sie wirbelte wie eine winzige Galaxie durch seinen Körper und formte einen blassgelben Strudel.
Dann lenkte er den Strudel auf das Dämonensiegel, das sich um seine Meridiane wand.
ZISCH!
Das Siegel reagierte wie eine getretene Schlange und wehrte sich wild. Stechender Schmerz durchfuhr Chen Kai. Doch der goldene Strudel, angetrieben von der Restenergie der Perle des Urchaos, war weit überlegen.
Der Strudel packte die grauschwarze Energie und begann sie zu zermahlen.
Die unreine dämonische Energie wurde zersetzt, gereinigt und durch das Sutra des Ewigen Drachenkaiserherzens in reine Energie umgewandelt — dann von Chen Kais Dantian absorbiert.
Er benutzte seinen Feind als Brennstoff.
„Weiter!", brüllte Kaiser Yao in seinem Kopf.
Chen Kai biss die Zähne zusammen und trieb den Kreislauf voran. Reine Energie sammelte sich in seinem leeren Dantian.
Eine Stunde verging. Zwei Stunden.
KRRACK!
Etwas in seinem Inneren zerbrach. Das Dämonensiegel zersplitterte und wurde vollständig verschlungen.
Im selben Moment erreichte die in seinem Dantian gesammelte reine Energie den kritischen Punkt.
WUMM!
Eine Welle der Kraft explodierte aus seinem Inneren. Seine neun trüben, verwelkten Meridiane erstrahlten in leuchtendem Gold, stärker als je zuvor.
Qi-Kondensation … Stufe eins!
Doch es hörte nicht auf. Die reine Energie aus dem verschlungenen Siegel war gewaltig.
WUMM!
Qi-Kondensation … Stufe zwei!
Restenergie aus der Aktivierung der Perle des Urchaos schloss sich an und trieb seine Kultivierung weiter.
WUUUMM!
Qi-Kondensation … Stufe drei!
Der Anstieg verlangsamte sich und kam an der Spitze der dritten Stufe zum Stillstand.
Chen Kai öffnete die Augen. Ein schwaches goldenes Leuchten huschte über seine Pupillen und verlosch.
Er ballte die Faust.
Kraft.
Er konnte die Kraft spüren, die durch seinen Körper strömte. Drei Jahre … nach drei Jahren konnte er endlich wieder kultivieren. Und in nur wenigen Stunden hatte er übertroffen, was Chen Weis Gefolgsleute in einem ganzen Jahr erreichten.
„Hmph. Stufe drei. Immer noch Abschaum", sagte Kaiser Yao, obwohl ein Hauch von Zufriedenheit in seiner Stimme mitschwang. „Aber wenigstens bist du keine Ameise mehr, die jeder zertreten kann. Und jetzt — was hast du vergessen?"
Chen Kai fuhr zusammen.
Ling'er!
Er sprang auf. Sein Blick durchsuchte den Kluftsgrund. Da, nicht weit von der Stelle, wo er aufgeschlagen war, lag die Jadetau-Essenz — unversehrt, sanft schimmernd. Er hätte vor Erleichterung beinahe geweint.
Behutsam hob er sie auf.
„Ich muss zurück", sagte er.
„Und wie gedenkst du das anzustellen, Genie?", fragte Kaiser Yao. „Das hier ist eine tausend Fuß tiefe Kluft."
Chen Kai blickte nach oben. Die Felswände waren nahezu senkrecht und glatt.
„Das Drachenblut in deinem Körper und das Sutra sind nicht nur zur Schau da", sagte Kaiser Yao. „Leite dein Qi in deine Füße, so …"
Kaiser Yao gab ihm weitere Anweisungen. Eine einfache Bewegungstechnik.
Chen Kai tat es. Seine Füße fühlten sich leicht und doch fest an. Er trat an die Felswand … und seine Sohlen hafteten.
Ein Grinsen zog über sein Gesicht.
„Werd nicht übermütig", brummte Kaiser Yao. „Beeil dich. Deine Schwester hat nicht viel Zeit. Und ich muss meine Seele regenerieren. Stör mich nicht, es sei denn, du liegst im Sterben."
Die Stimme verstummte und zog sich in die Tiefen der Perle des Urchaos in seiner Handfläche zurück.
Chen Kai verschwendete keinen Moment. Die Jadetau-Essenz sicher unter seiner Robe verstaut, begann er zu rennen.
Vertikal.
Er rannte die Wand der Kluft des Geisterbanns hinauf, sein gestärkter Körper schoss empor wie ein Schatten in der Nacht.
Die beiden Gefolgsleute, die ihn hinuntergestoßen hatten, waren längst verschwunden, überzeugt, dass ihre Arbeit erledigt war.
Fünfzehn Minuten später zog sich Chen Kai über die Kante der Kluft. Er keuchte, sein Qi war fast erschöpft, doch er hatte es geschafft.
Einen Augenblick stand er still und blickte hinab in die dunkle Kluft unter ihm.
Das war der Ort, an dem der „Abschaum" Chen Kai gestorben war.
Und der Ort, an dem er … wiedergeboren wurde.
Er wandte sich zum schwach erleuchteten Klan-Komplex in der Ferne. Seine Augen waren kalt wie ewiges Eis.
Ling'er, ich komme.
Chen Wei … Ältester Wu … genießt eure verbleibende Zeit. Die Jagd wird bald beginnen.
Die Nacht war still, nur durchbrochen vom Zirpen der Insekten und dem Rascheln der Blätter. Chen Kai bewegte sich wie ein Geist durch den Wald am Hinterberg.
Sein Körper, nun auf der dritten Stufe der Qi-Kondensation, fühlte sich leicht und voller Energie an. Wo er früher eine Stunde für diesen Abschnitt des Berges gebraucht hätte, durchquerte er ihn jetzt in zehn Minuten.
Er ging nicht direkt zur Hütte zurück. Er hielt am Ufer des kleinen Bachs an, wo er die Jadetau-Essenz gefunden hatte. Im Mondlicht betrachtete er sein Spiegelbild im Wasser.
Seine Robe war zerfetzt, verschmiert mit getrocknetem Blut und Schlamm. Doch wichtiger war die Schicht schwarzen, stinkenden Schweißes, die seine Haut bedeckte — das Ergebnis der ersten „Körperreinigung", bei der die Perle des Urchaos und das Sutra des Drachenkaiserherzens allen Unrat der letzten Jahre aus seinem Körper getrieben hatten.
So konnte er nicht zurückkehren.
Rasch streifte er die zerrissene Kleidung ab und stieg in das kalte Flusswasser. Die Kälte stach, wirkte aber erfrischend. Er schrubbte den Dreck von seiner Haut.
Während er sich reinigte, bemerkte er die Veränderungen. Seine Haut, einst stumpf und blass von Mangelernährung, besaß nun einen schwachen Schimmer. Die kleinen Narben und Prellungen von drei Jahren Knochenarbeit waren verschwunden. Er sah nicht länger aus wie ein ausgehungerter Sklave, sondern wie ein junger, kräftiger Kultivierender.
Auch seine Sinne waren hundertmal schärfer. Er konnte die Schritte der Klanpatrouille auf dem Hauptweg hören, über fünfhundert Meter entfernt. Er roch das Aroma der Nachtblumen, die auf der anderen Seite des Flusses blühten.
Das war Kraft.
Nach dem Bad zog er seine immer noch zerrissene, aber nun saubere Robe wieder an. Er musste weiterhin erbärmlich aussehen. Er war noch nicht bereit, seine Karten aufzudecken. Stärke zu verbergen war die erste Lektion des Überlebens.
Vorsichtig schlich sich Chen Kai zurück in den Klan-Komplex, wich dank seiner neuen Sinne mühelos den Patrouillen aus. Er glitt durch die Schatten, seine Schritte lautlos, und erreichte seine baufällige Hütte.
Behutsam öffnete er die Tür.
„Du bist zurück!"
Chen Ling saß aufrecht im Bett, die Augen rot und geschwollen vom Weinen. Sie hatte offenbar geglaubt, ihr Bruder sei am Berg umgekommen.
„Ling'er, ich bin hier. Mir geht es gut."
Chen Kai eilte an ihre Seite. Chen Ling klammerte sich an ihn und schluchzte an seiner feuchten Brust.
„Ich hatte solche Angst … solche Angst … Du warst so lange weg …"
„Verzeih mir, Ling'er. Ich bin gestürzt", sagte Chen Kai sanft und klopfte ihr den Rücken. Er rückte ein Stück von ihr ab. „Schau, ich habe etwas für dich."
Er öffnete die Hand. Darin lag die Jadetau-Essenz, schimmernd im schwachen Licht der Öllampe.
Chen Lings Augen wurden groß. „Du … du hast es geschafft? Aber das ist … das ist so teuer!"
„Ich habe sie zufällig am Fluss gefunden. Der Himmel ist uns noch gnädig", sagte Chen Kai mit der Lüge, die er sich zurechtgelegt hatte. Er konnte seiner Schwester nichts von der Schwarzen Perle oder Kaiser Yao erzählen. Das wäre zu gefährlich.
„Schnell, Ling'er, nimm sie."
„Halt, Dummkopf!"
Kaiser Yaos Stimme donnerte plötzlich durch sein Bewusstsein, so laut, dass Chen Kai zusammenzuckte.
Was soll das?, dachte Chen Kai verärgert über die Störung.
„Was soll das, fragst du?", erwiderte Kaiser Yao mit verächtlichem Ton. „Du willst ihr eine rohe Spirituelle Arznei geben? Ihre Meridiane sind brüchig von der Gefrorene-Adern-Krankheit. Die wilde Spirituelle Energie in diesem Abfall wird sie von innen zerreißen! Du heilst sie nicht — du bringst sie um!"
Chen Kais Blut wurde kalt. „Was soll ich dann tun? Das ist unsere einzige Medizin!"
„Du bist jetzt ein Kultivierender. Und du besitzt das Wissen eines Kaisers", brummte Yao. „Du wirst sie läutern. Ich lehre dich die einfachste aller Alchemietechniken: die ‚Neunfache Essenzläuterung'. Sie wird die Unreinheiten abtrennen und die wilde Energie beruhigen. Schnell, wir haben nicht viel Zeit."
Eine neue Welle von Informationen — eine Reihe komplexer Qi-Bewegungen und einfacher Handsiegel — strömte in Chen Kais Geist.
Chen Kai wandte sich zu seiner Schwester, die ihn verwirrt anstarrte.
„Was ist los?"
„Ling'er, nimm sie noch nicht", sagte Chen Kai und bemühte sich um einen ruhigen Ton. „Die Arznei ist etwas … unrein. Ich muss sie erst reinigen."
Er setzte sich im Schneidersitz auf den morschen Holzboden, hielt die Jadetau-Essenz zwischen beiden Handflächen und schloss die Augen.
„Konzentriere dein Qi", befahl Kaiser Yao. „Benutze das Sutra des Drachenkaiserherzens. Forme einen kleinen Strudel …"
Chen Kai holte tief Luft. Die Spirituelle Energie in seinem frisch wiederhergestellten Dantian begann zu fließen. Den Anweisungen folgend, leitete er einen Strom blassgelben Qis in seine Handflächen und hüllte die Jadetau-Essenz darin ein.
Es war das erste Mal, dass er versuchte, sein Qi mit solcher Präzision zu steuern. Es fühlte sich unbeholfen an.
„Feiner, Dummkopf! Du zerstörst sie!", fauchte Kaiser Yao.
Chen Kai biss die Zähne zusammen. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Er verlangsamte den Qi-Fluss und formte ihn zu einem sanften Strudel — wie einen Mahlstein, der sich langsam drehte.
Die Jadetau-Essenz in seiner Hand begann zu vibrieren.
Zisch …
Dünne Schwaden schwarzen, übelriechenden Rauchs stiegen aus der Arznei auf. Das waren Unreinheiten, mit bloßem Auge unsichtbar. Chen Kai presste sie mit seinem Qi heraus.
„Jetzt dreh den Strudel um! Trenne die Essenz!"
Chen Kai kehrte die Qi-Strömung um. Die Arznei begann sich in seiner Hand aufzulösen. Blätter und Stängel zerfielen zu Pulver, das nach außen geschleudert wurde — nur drei Tropfen reinen Jadetaus blieben zurück.
„Letzter Schritt! Vereinige!"
Er formte ein einfaches Handsiegel. Sein Qi-Strudel presste die drei Tropfen zu einem einzigen zusammen.
WUSCH!
Ein sanftes grünes Leuchten brach aus seiner Hand hervor. Der bittere Kräutergeruch, der den Raum erfüllt hatte, wich augenblicklich einem süßen, belebenden Aroma.
Chen Kai öffnete die Augen, keuchend. Das Qi in seinem Körper war nahezu aufgebraucht. Die fünfzehn Minuten hatten seine gesamte Energie verschlungen.
Doch das Ergebnis war außergewöhnlich.
In seiner Handfläche lag keine Arznei mehr. Stattdessen ruhte dort ein einzelner Tropfen, kaum größer als eine kleine Perle. Seine Farbe war reines Jadegrün, er leuchtete in sanftem Schein und strahlte reine, ruhige Lebensenergie aus.
Chen Ling starrte mit offenem Mund. „Was … was hast du getan? Das ist … Magie …"
Chen Kai lächelte matt. „Nennen wir es … eine Reinigungstechnik des Klans, an die ich mich wieder erinnert habe. Jetzt mach den Mund auf."
Behutsam gab er seiner Schwester den Essenztropfen.
Sobald der Tropfen ihren Mund berührte, geschah etwas Wunderbares.
Sanfte, reine Lebensenergie breitete sich durch Chen Lings gesamten Körper aus. Ihr totenblasses Gesicht bekam allmählich einen Hauch von Rosarot. Der trockene Husten, der sie unablässig gequält hatte, hörte auf. Ihr angespannter Körper entspannte sich.
Die eisige Aura um ihren Körper, verursacht durch die Gefrorene-Adern-Krankheit, wurde von der Wärme des Tropfens zurückgedrängt.
Chen Ling sagte nichts. Ihre Augen fielen zu, und zum ersten Mal seit Monaten sank sie in tiefen, friedlichen Schlaf. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.
Chen Kai spürte, wie eine schwere Last von seinen Schultern fiel. Er deckte seine Schwester zu, Tränen der Erleichterung schimmerten in seinen Augen.
„Das hat sie nur stabilisiert", sagte Kaiser Yao. Seine Stimme war etwas weicher als zuvor, wenn auch nach wie vor hochmütig. „Die Essenz dieses Abfalls reicht gerade, um die Kälte in ihren Meridianen einen Monat lang zu unterdrücken. Geheilt ist sie damit nicht."
„Einen Monat …", flüsterte Chen Kai. Das war mehr als genug.
„Um sie vollständig zu heilen, brauchst du die ‚Pille der Neun Sonnen'. Und um diese Pille herzustellen, brauchst du Kräuter, die tausendmal seltener sind. Und um an diese Kräuter zu kommen, brauchst du … Stärke. Und Geld."
Chen Kai nickte. Kalte Entschlossenheit füllte sein Herz. Er wusste, was zu tun war.
Vielleicht hatte er Ling'er vorerst stabilisiert, doch seine Feinde waren noch da draußen. Er brauchte mehr Ressourcen. Er musste stärker werden.
Sein Blick wanderte zum Fenster, hinüber zum Zentrum des Klan-Komplexes, wo die Schatzkammer des Chen-Klans stand.
Er hatte kein Geld, aber er besaß Kaiser Yaos Wissen. Er besaß die Perle des Urchaos. Und er hatte soeben bewiesen, dass er Kräuter läutern konnte.
Wenn er Jadetau-Essenz läutern konnte, konnte er auch andere Arzneien läutern. Und in der Welt der Kultivierung war Alchemie … der schnellste Weg zum Reichtum.
Morgen würde er die Schatzkammer besuchen. Nicht als „Abschaum", der um Almosen bettelte — sondern als Lieferant.
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